Besichtigung eines Unglücks

Gert Loschütz’ Buch »Besichtigung eines Unglücks« verwebt die historische Tragödie des Zugunglücks von Genthin im Jahr 1939 mit fiktiven Aspekten. Es verdichtet sich im Laufe des Romans, dass sich hinter der Katastrophe ein Geheimnis verbirgt, das an den Identitäten der Charaktere rüttelt. Loschütz’ zentrale Motive der menschlichen Erfahrungen lassen die Leser tiefer in das Innere der Figuren sehen, die zudem in philosophische Gedanken über Zufall, Schicksal, Identität und Verlust eingebettet sind. 

Der Ich-Erzähler des Romans ist Thomas Vandersee, ein Journalist, der in Italien lebt. Mit dem Tod seiner Mutter kehrt er nach Berlin zurück. Er versucht, das Unglück mithilfe von Archivmaterial zu verstehen. Bei diesem Suchprozess wird er mit seiner eigenen Familiengeschichte konfrontiert.

Es ist der 22. Dezember 1939, in einer verschneiten Nacht in Deutschland. Der Zweite Weltkrieg tobt seit September. Die Züge sind rappelvoll, da die Familien zu Weihnachten nach Hause fahren. Die Verdunkelungspflicht verlängert die Dauer des Einsteigens der Fahrgäste. Die Personenzüge sind gezwungen, auf der Strecke zeitweilig zu stoppen, da Militärzüge Vorrang haben. Bei der Bahn herrscht Personalmangel, da das Gros der Männer im Krieg ist. 

Es sind genau vier Sekunden, die entscheiden, dass der D-Zug 180 mit voller Geschwindigkeit und ungebremst auf den proppenvollen D 10 fährt. Vier Sekunden Verspätung, die zur Kollision führen und 196 Menschen das Leben kosten und zahlreiche Verletzte zurücklassen. Vier Sekunden, die Auswirkungen auf die Lebensgeschichte von Einzelpersonen und Familien haben werden.

Thomas Vandersee, dessen Mutter Lisa nicht weit entfernt des Unglücksortes gelebt hat, versucht, zu enträtseln, was in dieser Nacht geschehen ist. Handelt es sich um ein technisches oder menschliches Versagen, das zur größten deutschen Zugkatastrophe geführt hat? Entwickelt die Zugfahrt des D 10 und des D 180 eine unberechenbare Dynamik? Ist es gar denkbar, dass die Kollision von vornherein unabwendbar ist? 

Der D 10 liegt im Zeitplan zurück. Der nachfolgende D 180 ignoriert einige Stoppsignale. Am Stellwerk vor Genthin wird irrtümlich der D 10 angehalten, was dazu führt, dass der folgende D 180 auf den vor dem Bahnhof stehenden Zug kracht.
Menschen in der Umgebung vernehmen durch die Wucht des Aufpralls einen lauten Knall, gefolgt von einem Moment der spürbaren Stille. Es ist ein grauenhaftes Bild der Verwüstung. Verkeilte Waggons, Metalltrümmer und verlorene Leben brennen sich in die Seelen der Überlebenden ein. Für die Betroffenen, die Verletzten sowie das Bahnpersonal und die eintreffenden Rettungskräfte wird das Grauen inmitten des Chaos zu einem verzweifelten Überlebenskampf. Neben der Zugfahrt läuft auch die Rettung aus dem Ruder. Hinderlich ist die Verdunkelung sowie der Personalmangel und die unzureichende Ausrüstung der Helfenden. Die Retter werden zudem eiskalt von der Kälte erwischt. Die Stadt Genthin ist unvorbereitet und die Behörden reagieren in diesen Kriegszeiten zu langsam. Die Presse gibt die Opferzahlen anfänglich niedrig an. Vermutlich, um das nationalsozialistische System fehlerlos und über jede Kritik erhaben darzustellen. 

Wer wird zur Rechenschaft gezogen? Vandersee stellt in seiner Recherche, bei der er Helfer wie den Heimatforscher Weidenkopf hat, fest, dass viele Fragen unbeantwortet bleiben und die Ermittler am Ende vor einem Rätsel stehen. Dennoch nimmt der Prozess in erster Linie den Lokführer des D 180 Erich Wernicke ins Visier, der nicht in der Lage ist, zu erklären, warum er die Signale eindeutig erkannt und interpretiert hat, obwohl sie es nicht waren. Ist es ein Fall von menschlichem Versagen? Oder hat er womöglich eine Kohlenmonoxidvergiftung durch die Lokomotive erlitten? Ist es denkbar, dass ihn nach einer langen Schicht die Müdigkeit überwältigt hat? Der Lokführer wird zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Der Prozess hat dennoch viele Punkte offengelassen, die sich aus den Ereignissen jener Nacht ergeben haben. Was wäre, wenn es diese vier Sekunden nicht gegeben hätte? Was wäre, wenn der Krieg nicht gewütet hätte? Was wäre, wenn die Verdunkelungspflicht nicht bestanden hätte? Was wäre, wenn es genügend Personal gegeben hätte? Welche Möglichkeiten hätten sich dann für die betroffenen Menschen ergeben? Es ist dieser mit unbeantworteten Fragen gefüllte Raum, indem die persönlichen Geschichten jener Menschen zu finden sind, deren Leben von der Genthiner-Katastrophe gezeichnet ist. Genau diese Schilderungen sind es, die es ermöglichen, mit einem anderen Blick auf die Tragödie zu schauen. 

Bei seiner Recherche stößt Thomas auf die Geschichte von der jungen Carla Finck, die mit dem Italiener Giuseppe Buonomo in einem der Züge gereist ist. Giuseppe verliert sein Leben. Carla überlebt und behauptet im Krankenhaus, Buonomo zu heißen. Hinter Carlas Geschichte verbirgt sich mehr. Sie spielt nicht mit offenen Karten, da sie mit dem Juden Richard Kuiper verlobt ist. Es spricht viel dafür, dass sie aus Angst vor der Gestapo den Namen des Italieners annimmt. Thomas findet heraus, dass es zwischen seiner eigenen Mutter Lisa eine Verbindung zu Carla gibt. Lisa hat Carla etwas zum Anziehen ins Krankenhaus gebracht. Der Autor verdeutlicht, dass Carlas Lebensgeschichte sich an dieser Stelle mit der Geschichte von Thomas überlappt. Die Vergangenheit verknüpft sich sichtbar mit der Gegenwart des Ich-Erzählers. 

Diese Enthüllung bringt eine Lawine ins Rollen, und Thomas taucht tiefer in seine Familiengeschichte ein. Im Mittelpunkt seiner Suche steht das Geheimnis um die Identität seines Vaters. Thomas vermutet, dass sein Vater der Cousin seiner Mutter ist. Bruno heißt er und er arbeitet bei der Bahn. Diese Erkenntnis wirft eine entscheidende Frage für Thomas auf, die seine Ermittlungen komplizierter macht. Ist Bruno in die Katastrophe bei Genthin verwickelt? 

Thomas versucht, diese bruchstückhafte Geschichte zusammenzusetzen. Er durchforstet alte Briefe, Fotos und offizielle Dokumente, die mit der Katastrophe in Verbindung stehen, und er heftet sich sogar an die Fersen von Personen, die seine Mutter und Bruno kannten, in der Hoffnung, aus ihren Erinnerungen Erkenntnisse zu gewinnen. 

Thomas fahndet demnach nach seiner Identität. Es bleibt für ihn dieses schlingernde Gefühl nach Zugehörigkeit, das eine stabile Beziehung blockiert. Es ist dieses Spannungsfeld des wankenden Selbst, das nach seinem festen Platz sucht und in der Suche einen emotionalen Halt benötigt. Yps, die verheiratet ist und mit Thomas ein Verhältnis hat, gibt ihm diesen Halt scheinbar. Weil ihr Liebesverhältnis geheim ist, gerät diese Stütze aus dem Takt. Es bleibt ein Rest Unsicherheit, der sich auf die Moral und das Auffliegen der Beziehung bezieht.

Lisa, Thomas Mutter, ist eine talentierte Musikerin und Geigerin, aber ihre Träume werden durch den Krieg und die Rolle, die sie in dieser Zeit als Frau einzunehmen hat, im Keim erstickt. Thomas’ Ermittlungen sind wie eine Spurensuche nach diesen Fäden, diesen miteinander verbundenen Leben, die von den Folgen dieser Tragödie betroffen sind. Lisa wird von ihren eigenen Geheimnissen und dem Schatten der Genthin-Katastrophe verfolgt. Thomas gräbt in ihrer Vergangenheit. 

Es ist ein Graben in diesen widersprüchlichen Berichten, in der sich verschiebenden Schuld, in den unterschiedlichen Perspektiven und in den verschlungenen familiären Pfaden. Nicht nur die Aufeinanderfolge von Fehlern ist entscheidend, sondern auch der Widerhall für die Menschen, deren Leben unumkehrbar verändert wird. 

Einer der Ersthelfer am Unfallort schildert die gespenstische Stille, gefolgt von den qualvollen Schreien der Verletzten. Ein anderer stolpert über einen Zeitungsartikel, den er in den Habseligkeiten eines Opfers entdeckt. Der Artikel handelt von dem Zusammenstoßen von Zügen. Ist es das Schicksal, das diese Nachricht geschrieben hat?

Beim Leser bleibt ein Gefühl, dass etwas Größeres im Spiel ist. Dieses verstärkt sich, als Thomas tiefer in das Leben von Carla Finck eindringt, der Frau, deren Weg sich mit dem seiner Mutter im Krankenhaus gekreuzt hat. Carla ist diejenige, die heimlich mit dem jüdischen Richard verlobt ist. Zeitgleich begibt sie sich mit einem Italiener auf die Reise, der bei dem Unfall ums Leben kommt. Carla heiratet in ihrem Leben fünf Männer, und jeder ihrer Partner trägt den Namen Richard. 

Es weist auf ein unterbewusstes Verlangen hin. Sie versucht scheinbar, ihrem Schicksal davonzulaufen und etwas Verlorenes zurückzugewinnen. Theoretisch schreibt sie ihre Lebensgeschichte neu, indem sie immer wieder einen Ersatz für ihren geliebten jüdischen Richard findet, den ihr das Naziregime geraubt und vernichtet hat. Es ist zu erkennen, wie die Zugkatastrophe zu einem Knotenpunkt wird. Vandersee bereitet nicht nur historische Fakten auf, sondern er fördert die menschlichen Geschichten zutage, die durch das Zugunglück zusammengeführt werden. 

Der Italiener kennt Carla vor der Zugreise, da er das Geschäft besucht, in dem sie arbeitet, um eine Brosche für seine Frau zu kaufen. Ihre gemeinsame Reise ist durch die Vorgeschichte vielschichtiger und wirft Fragen nach Carlas Motiven auf.

In den Gegenständen seiner verstorbenen Mutter Lisa verbirgt sich ein Zettel, auf dem ein Name steht: Theodor Mintrop. Thomas erinnert sich an die Mintropstraße. Stück für Stück setzt er das Puzzle zusammen. Seine Mutter hat Carla die Kleidung ins Krankenhaus gebracht. Gleichzeitig schlüpft sie in die Rolle eines Nachrichtenboten, der zwischen Carla und ihrem in der Mintropstraße wohnenden jüdischen Verlobten hin- und herpendelt. Wir sehen als Leser, dass die Mintropstraße einerseits die Spuren der Vergangenheit beherbergt. Andererseits wird deutlich, dass sie die Verbindung zur verlorenen Identität und ein Ort der Zugehörigkeit ist.

Thomas sucht nach Antworten. Welche Verbindung gibt es zwischen diesem Namen und seiner Familie? Er entscheidet sich, Carla aufzuspüren, und findet sie in einem Pflegeheim.

Gert Loschütz zeigt in »Besichtigung eines Unglücks«, dass Augenblicke unser Leben erbarmungslos verändern. Im Roman entscheiden vier Sekunden über Leben und Tod. Bruchteile, die über Identitäten richten, die im Zuge der Recherche von Vandersee enthüllt werden. Wie Lisas Verbindung zu Carla, ihre Liebe zum Geigenlehrer sowie ihre Beziehung zu Bruno. Lisas Entscheidung, nie wieder Geige zu spielen, verdeutlicht, dass die Geige ein Spiegel ihres tief sitzenden Schmerzes der Erinnerung ist. Durch den schmerzhaften Verlust ihrer Liebe zum Lehrer hat sie einen Teil ihrer Identität verloren. Um diesen Schmerz nicht immer und immer wieder zu erleben, meidet sie die Musik. Thomas holt nach ihrem Tod ihre Habseligkeiten sowie ihre Geige nicht ab. Wahrscheinlich hängt es damit zusammen, dass er emotional nicht in ihre Geschichte eingebunden ist. 

Der Roman verdeutlicht zudem, dass Menschen in ihrem Leben mit dem historischen Kontext und der herrschenden Politik verknüpft sind. Am Beispiel von Carla sieht der Leser, dass sie versucht, ihr altes Leben in der gefährlichen Umgebung der Nazidiktatur fortzusetzen. Ihre Identitätsverschleierung ist ein Ausdruck, sich der Verfolgung zu entziehen und ihr Kampf ums Überleben. Die Beziehung von Carla und Richard zeigt die sich durch das politische System ergebende Gefahr, in die sich die Liebenden begeben. Ihre Liebe bewegt sich zwischen der Verfolgung und dem Widerstand. Der Name Richard steht höchstwahrscheinlich symbolisch für die Kontinuität inmitten des narbigen Verlustes der Liebe und für die Wiederherstellung einer verlorenen Vergangenheit.
Schuld, Verantwortung und Trauma. Drei bleischwere Worte, die sich ebenfalls im Roman finden und zu Ängsten und Depressionen führen. 

Gert Loschütz wechselt die Erzählperspektiven vom Ich-Erzähler zu der zeitweilig dokumentarisch erzählten Geschichte, angereichert mit Detailschilderungen wie Heizern, in deren »Nackenfalten Ablagerungen von Ruß zu finden waren«. Dadurch schafft der Autor einen harten Gegensatz zwischen den Fakten der Katastrophe und der persönlichen Betroffenheit von Thomas Vandersee. Die Handlung entwickelt sich für den Leser vielschichtiger und lebhafter.

Gert Loschütz, Besichtigung eines Unglücks, Vierte Auflage 2022, Schönling & Co. Verlagsbuchhandlung GmbH, Frankfurt am Main 2021, 336 Seiten, € (D) 24,00, ISBN  978-3-89561-157-5

von Soraya Levin