11. September. Geschichte eines Terrorangriffs

Stefan Aust/Cordt Schnibben (Hg.)

© Audio Verlag

11. September 2001, 8:46 Uhr, New York im Stadtteil Manhattan. Eine Passagiermaschine vom Typ Boeing 767 der American Airlines Flug 11 rast in den Nordturm des World Trade Center. Keine 48 Minuten später, um 9:02 Uhr, rast eine weitere Passagiermaschine mit der Flugnummer United Airlines 175 in den Südturm. Tausende von Tonnen Kerosin fließen in die Tower und bringen die beiden Türme zum Einstürzen. Während sich dramatische Szenen in den beiden Gebäuden abspielen, Menschen in panischer Angst versuchen ihr Leben zu retten, Menschen verbrennen oder verdampfen, Feuerwehrmänner sich mit über dreißig Kilo schwerem Gepäck in die oberen Etagen kämpfen, wird eine weitere Passagiermaschine in das Pentagon gesteuert und die vierte entführte Maschine stürzt, bevor sie ihr Terrorziel erreicht, bei Shanksville Penssylvania ab.

So oder ähnlich könnte eine Regieanweisung eines Action- oder Science-fiction Films lauten. Doch die Fiktion wird und ist an diesem 11. September 2001 Realität.

In einem dokumentarisch einzigartigen Feature haben 18 Reporter des Spiegels die Vorbereitungen der Attentäter, ihren Todesflug und den dramatischen Überlebenskampf der in den Twin-Towers Eingeschlossenen, unterlegt mit realen Tondokumenten, verarbeitet.


Wir kommen nicht raus

An diesem 11. September 2001 macht sich wie jeden Morgen der polnische Fensterputzer Jan Demczur aus New Jersey auf den Weg zu seinem Arbeitsplatz, zum World Trade Center. Er ahnt nicht, dass sich an diesem Morgen des 11. September 2001 auch die als Touristen getarnten Todespiloten auf den Weg machen.

Es ist 5:54 Uhr und Jan Demczur beginnt mit seiner Arbeit. An diesem Morgen bemerkt der EDV Chef Chuck Allen bei einem Blick aus seinem Bürofenster etwas Merkwürdiges. Über der George-Washington-Brücke, die Manhattan mit dem Festland verbindet, ist ein Flugzeug zu sehen. Und schon ein paar Minuten später hört er die Turbinen hinter sich. Es ist 8:46 Uhr, Demczur ist mit sechs anderen Personen gerade im Aufzug unterwegs, als Flug 11 der American Airlines oberhalb des 91. Stocks in den Nordturm einschlägt. Während Demczur und die anderen sich in letzter Sekunde aus dem Aufzug in Höhe des 50. Stocks befreien können, saugen sich Teppiche und Polster gierig mit dem Flugbenzin voll und entfachen ein brennendes Inferno von Feuerbällen und Hitzestürmen. Im 78. Stock werden Virginia DiChiara und im 83. Stock Manu Dhingra von der glühenden Luft erfasst. Ihre Körper, die nur noch aus großflächig verbranntem Fleisch und geschälter Haut zu bestehen scheinen, schleppen sich nach unten.

Auf dem Weg nach unten sind auch der blinde Mike Hingson und sein Freund David Frank, die Dank der Blindenhündin Roselle einen Fluchtweg finden.

Und der Computerexperte Steve Miller, genannt "Smiller" hat schon fast dem Tod ins Auge geblickt, denn genau dort, wo sein Arbeitsplatz ist, schlägt die Boeing ein. Mit den unvergesslichen Bildern des Tages im Kopf wird er sein Leben ändern.

Während sich die Firefighter des New Yorker Feuerdepartments nach oben kämpfen und die einstige Plaza bereits voll mit Trümmern und Leichenteilen der Flugpassagiere liegt, kämpfen im 86. Stock James Gartenberg und seine Sekretärin um ihr Leben. Ihre Fluchtwege sind verschlossen, ihr einziger Kontakt zur Außenwelt das Telefon. „Wir kommen nicht raus“ und „ich liebe dich, Jill“ sind Gartenbergs letzte verzweifelte Worte.

Auch im 104. Stock kommen die Mitarbeiter der Firma Cantor Fitzgerald, 658 insgesamt, genauso wenig raus wie die Gäste und Angestellten des sich im 106. und 107. Stock befindenden Restaurants Windows on the World.


Die Türme kollabieren

Um 9:50 Uhr hört Feuerwehrchief Rick Picciato, der sich im Nordturm nach oben befindet, ein Geräusch wie von einem tornadoartig rasenden Sattelschlepper. Was er hört, sind die fallenden Etagen des Südturms. Keine 15 Sekunden später ist der Südturm kollabiert. Hunderte von Firefightern sind im Nordturm noch auf dem Weg nach oben. Picciato weiß, er muss seine Leute evakuieren, da auch der Nordturm in Gefahr ist, einzustürzen. Jetzt gilt es, schnell raus zu kommen. Doch auf der Flucht nach draußen begegnet ihnen die sichtbar geschwächte Josephine Harris. Mit ihr im Schlepptau kommen sie nur noch langsam voran, was sich einige Minuten später als Glück erweist. Denn um 10:29 Uhr hört Picciato das ihm schon bekannte Sattelschleppergeräusch. Der Nordturm gibt nach, stürzt in sich zusammen. Picciato und seine Crew haben auf Höhe des 5. Stocks überlebt. Alle Stockwerke unter ihnen sind völlig zerstört.
Picciato und einige Wenige konnten sich retten, doch für 3015 Menschen, darunter 343 Firefighter sowie die Attentäter, kommt jede Rettung zu spät.

Fazit:

"A creeping horror"
titelt die New York Times am 12. September 2001. Es ist der Tag danach, ein Tag nach den grausamen Selbstmordanschlägen auf das World Trade Center. Der Tag danach, wo der Stadtteil Manhattan immer noch von einer dichten Rauchwolke eingehüllt ist, der Tag danach, wo Tausende von Menschen wie vom Erdboden verschluckt sind, wo eine weiß-graue Schicht von Asche sich mit den zu Staub zermalmten Toten vermischt und wie Schnee auf den Trümmern und den Straßen liegt. Der Tag danach, wo die Stimmen der Verzweifelten, der Eingeschlossenen ebenso noch hörbar sind wie die dumpfen Aufschläge derjenigen, die voller Angst und in wilder Panik aus luftiger Höhe in den Tod sprangen. Der Tag danach, wo die Ansichtskarten New Yorks neu gestaltet werden müssen. Denn die Stadt am Hudson River hat ihre Symbole, die Twin Towers, verloren. Der Tag danach, wo sich die Erde zwar weiter dreht, wo sich aber die Welt verändert hat.

Ob Urlauber, Geschäftsreisende, Küchenhelfer, Wachpersonal, Firefighter, Polizisten, Rettungssanitäter, Flugbegleiter, Piloten, ob Alte oder Junge, ob Männer oder Frauen, ob Mütter oder Väter, ob Kinder oder Großeltern, ob Inländer, Ausländer oder Einwanderer, ob Arme oder Reiche. Für sie alle gibt es keinen Tag danach mehr. Namen wie James Gartenberg, Jan Maciejewski, Klaus Bothe, Wolfgang Menzel, Stanley Priamnah, Thelma Cuccinelle, Bill Berentsen, Jeffrey Coombs, Brian Dale, Alberto Dominguez, Robert und Jacqueline Norton, Brian Dale, Madeline Sweeney stehen für Tausende, die am 11. September 2001 zwischen 8:46 Uhr und 10:29 Uhr in einem der vier entführten Flugzeuge oder in einem der beiden Tower des World Trade Center durch radikal islamische Fanatiker ermordet worden sind.

Übrig bleiben die Überlebenden mit ihrer Trauer, ihrem Kummer, mit dem Verlust, mit ihren Ängsten und Schmerzen, die grausamen Bilder im Kopf und der Geruch nach verbranntem Fleisch. Übrig bleiben aber auch die offenen Fragen, wie es sein konnte, dass die Geheimdienste von dem über Monate geplanten Terrorangriff nichts bemerkten und die Terroristen ihren grausamen Plan in die Tat umsetzen konnten. Der Einsturz der beiden Türme des World Trade Center - eine perfekte Zerstörung, die jedwede Vorstellung übersteigt und sich zu einem Nährboden für Verschwörungstheoretiker entwickelt.


Geburtsstunde einer neuen weltweiten Bedrohung

Das Feature rückt vor allem eines ins Bewusstsein. Der 11. September 2001 ist die Geburtsstunde einer neuen weltweiten Epoche der Bedrohung durch fundamentalistische menschenverachtende Gruppierungen. Osama Bin Ladens terroristisch vernetztes System, entblößte auf geräuschvolle Weise die menschenfeindliche Fratze, die sich hinter den vermeintlichen Gotteskriegern wie Mohammed Atta oder Ziad Jarrah verbarg. Ein Trugwerk, das uns nicht mehr unbefangen sein lässt und das nach schnellen Lösungen ruft. Ein Trugwerk, das in der politischen Folge nicht nur im Afghanistan-Krieg mündete, sondern das letztlich unsere Freiheitsrechte gefährdet.
Doch ist der Terrorismus überhaupt zu bekämpfen, wenn nicht klar ist, wer hinter der Maske des Terrorismus steckt? Der weltweiten Bedrohung ist zwingend eine neue weltweite Sicherheitspolitik entgegen zu setzen. Eine Sicherheitspolitik, die ihre internationale Solidarität im Kampf gegen den Terror bekundet, die dem Terror keine Plattform gibt und sich ihm wie eine Phalanx auf allen politischen Feldern entgegenstellt. Eine internationale Phalanx, für die Menschenrechte, Freiheit und Demokratie die Basis ihres Handelns ist.

11. September, Geschichte eines Terrorangriffs ist ein beeindruckendes Feature über die Ereignisse des 11. September 2001, das höchsten journalistischen Ansprüchen genügt und nicht nur zum historischen Verständnis beiträgt, sondern durch die Fakten, die Berichte, Live-Reportagen und die Tondokumente sehr viel Nähe bewirkt und so den Einzelnen nicht in der Anonymität verschwinden lässt, sondern ihn mit seiner Biografie in den Mittelpunkt stellt.

11. September, Geschichte eines Terrorangriffs. Feature, Herausgeber: Stefan Aust, Cordt Schnibben, Redaktion: Wolfgang Schmitz, Sprecher: Christian Brückner, Hans Peter Hallwachs, Regie: Claudia Johanna Leist, Produktion: Westdeutscher Rundfunk, 3 CDs 220 Minuten, ISBN 978-3-89813-2145, 25,99 €, Erschienen bei: Der Audio Verlag, Köln 2002.

© Soraya Levin