Der Kutscher und der Gestapo-Mann

Der Kutscher und der Gestapo-Mann
von Gabriel Berger

Während Kinder wie Cola Braw rufen „Mama, rette mich“, waschen sich die Täter nach dem Morden die Hände, gerade als ob sie sich ihrer verbrecherischen Keime entledigen könnten.

Die polnische Regierung hat im Jahr 2018 ein Persil-Gesetz auf den Weg gebracht, das den polnischen Staat und seine Bürger von jedweder Kollaboration mit Hitler-Deutschland und den verübten Naziverbrechen bis zum Holocaust rein waschen möchte. Im Kern geht es um die „historische Wahrheit“, die die Verbrechens-beteiligung der polnischen Bürger an ihre jüdischen Mitbürger negieren soll.

Eine der historischen Wahrheiten ist es, dass es auch unter der polnischen Bevölkerung Menschen gegeben hat, die ihren jüdischen Mitbürgern beistanden und ihnen halfen, zu überleben. Die andere historische Wahrheit ist jedoch wie es der israelische Bildungs- und Diasporaminister Naftali Bennett auf den Punkt gebracht hat, dass sich „Viele Polen [...] jedoch im ganzen Land an der Verfolgung, Denunzierung oder aktiv am Mord an mehr als 200.000 Juden beteiligt [haben], während und nach dem Holocaust."

Gabriel Berger hat sich dieser historischen Wahrheit gestellt und lässt in seinem Buch "Der Kutscher und der Gestapo-Mann" unmittelbar nach Kriegsende befragte Überlebende der Kleinstadt Tarnów und deren Region zu Wort kommen.
Den Zeugenaussagen ist wie eine Schwarzblende vorangestellt das Totengebet El male rachamim, das einen Raum gibt für die Trauer und das Gedenken an die ermordeten europäischen Juden.
Es folgt der zeitliche Rückblick auf das von Berger ins Deutsche übersetzte Zeugnis, das nicht nur den Terror und die hemmungslose Rohheit gegenüber der jüdischen Bevölkerung durch die deutschen Besatzer sichtbar macht, sondern es zeigt, dass die todbringende Barbarei willige ukrainische und polnische Komplizen hatte.
Lebten vor dem Krieg die Bürger Tarnóws unterschiedlicher Glaubensrichtungen Seite an Seite, so verweist Berger darauf, dass es zum Kriegsende in der Kleinstadt keine Bürger jüdischen Glaubens mehr gegeben hat.
Aber nicht nur Tarnów ist am Ende des Krieges "judenfrei", sondern fast ganz Polen, in dem vor dem Krieg über drei Millionen Bürger jüdischen Glaubens lebten.

Berger lässt seine Zeugen diesen Weg hin zu der sogenannten "Judenfreiheit" des Landes stellvertretend am Beispiel von Tarnów beschreiben. Das bisherige Leben der jüdischen Bürger versinkt mit dem Überfall Hitlerdeutschlands auf Polen in Folter und Massakern.
Wer überlebt, hat einfach nur Glück wie Isaak Israel. Sein Beruf des Kutschers wird zu seinem Rettungsring. Da er die deutschen Täter zu den Orten ihres Verbrechens kutschiert hat, hat er einen umfassenden Einblick in ihre Taten bekommen. Sein Zeugnis ist ein einziges Grauen und wenn man nicht wüsste, zu was Menschen fähig sind, würde man es nicht wahrhaben wollen.

Da wird die Reichspogromnacht ein Jahr später nach Tarnów verlagert. Das Feuer frisst nicht nur das jüdische Gebetshaus, sondern auch Menschen jüdischen Glaubens.
Vom Säugling bis zum Alten steht jetzt jeder Jude auf der Abschussliste. Es wird gedemütigt, geschlagen, gepeitscht, verbrannt, lebendig in Erdlöchern vergraben, mit Äxten auf Körper eingeschlagen, Köpfe vom Rumpf gehauen, plan- und wahllos geschossen. Zwei Pogrome führen zu Massentötungen, deren Grausamkeit durch die perfide geschaffene Festszenerie auf einem Friedhof ihren Gipfel erreicht.
Unter dem verharmlosenden Begriff "Aussiedlung" schmeißen die Täter die jüdischen Bürger aus ihren Unterkünften, bemächtigen sich ihres Eigentums, pferchen sie ins Ghetto, ermorden sie vor Ort oder transportieren sie in die Todeslager.
Während Kinder wie Cola Braw rufen „Mama, rette mich“, waschen sich die Täter nach dem Morden die Hände, gerade als ob sie sich ihrer verbrecherischen Keime entledigen könnten.
Während die Verfolgten und dem Tode geweihten zittrig die Luft vor Angst anhalten, obwohl sie den letzten Atemzug vor dem Abtauchen nicht nehmen konnten, vergnügen sich ihre Peiniger mit ihren Familien beim Baden.

Es ist ein Überlebenskampf, der nicht widerstandslos geführt wird. Die Mitglieder der jüdischen Pfadfinderorganisation Haschomar Hatzair setzen sich gegen die barbarische Unmenschlichkeit mutig zur Wehr. Da sie kaum Möglichkeiten besitzen, an Waffen zu gelangen und von dem Gros der polnischen Mitbürger keine Hilfe, sondern eher Verrat zu erwarten ist, ist ihr Erfolg von Beginn an vernichtend gering.
Auf diese belastende Mitschuld der Polen weist Berger in seinem Nachwort nochmals explizit hin. Das "europäische Schlachthaus" von dem Berger spricht, haben die Polen zwar nicht selbst erbaut. Viele haben aber aus antisemitischen Beweggründen und niederen Instinkten, die auf die Bereicherung am jüdischen Eigentum abzielten, seine Schwelle übertreten und in ihm mitgewirkt.

Mit der flächendeckenden Vernichtung der europäischen Juden ging auch eine immense Vernichtung von Kulturgut und damit von kultureller Vielfalt einher. Berger führt an dieser Stelle insbesondere die jiddische Sprache an. Der Autor weist darauf hin, dass die Mehrheit der Polen kein Interesse an der Wiederbelebung des vernichteten jüdischen Kulturguts hat. Das heißt aber im Umkehrschluss, wenn kein Interesse an den verloren gegangen kulturellen Bestandteilen und ihrer Wiederbelebung herrscht, dass auch kein Wissen darüber weiter gegeben werden soll und damit kein Erinnern mehr möglich ist. Ein kultureller Bestandteil wird auf diese Weise für immer ausgelöscht, das heißt in diesem Fall die jüdische Identität als Bestandteil der polnischen nationalen Identität.
Sichtbar wird, dass in Polen der Antisemitismus weiterhin aktiv ist und zur
geschichtsverdrehenden Schuldabwehr führt, die die Erinnerungskultur ad absurdum führt.

Doch wie sieht es im Land der Täter und deren Nachkommen aus? Berger führt an, dass einige der Nachfahren sich glaubhaft von jedweder kriegerischen Gewalt distanzieren, wobei sie zeitgleich mit ihrer Kritik an den Staat Israel im Hinblick auf den Nahostkonflikt ihre moralische Überlegenheit sichtbar machen. Auch hier wird eine Schuldabwehr deutlich, in dem Israel als nicht aus der Geschichte lernender Täter gebrandmarkt wird und die existenzbedrohende Situation des Staates tabuisiert und die Existenzvernichtung in Kauf genommen wird. Auch hier begegnet er uns wieder, der Antisemitismus. Nur nicht althergebracht, sondern im neuen und modernen Gewand, nämlich der Kritik an Israel.
"Nie wieder Opfer" lautet laut Berger die Antwort der Nachfahren der Holocaustopfer. "Nie wieder Opfer" sein, bedeutet, sich entschieden gegen jede Form der Schluss- strichmentalität zu wenden. "Nie wieder Opfer" sein, bedeutet, Antisemitismus zu enttarnen und widerständig gegenüber seinen Anhängern zu sein. "Nie wieder Opfer" sein, bedeutet, sich bewusst zu sein, wie wichtig die Erinnerungskultur ist. Denn nur mit ihrer Hilfe kann es gegebenenfalls gelingen, neue Orte des Grauens wie Auschwitz zu verhindern.

Gabriel Berger liefert mit seinem Buch "Der Kutscher und der Gestapo-Mann" daher einen wichtigen Beitrag zur lebendigen Erinnerungskultur, der insbesondere vor dem Erstarken der Rechtspopulisten in Europa sowie dem zunehmenden Antisemitismus und dem dauerhaften Einprügeln der internationalen Staatengemeinschaft auf Israel Beachtung finden sollte.

Gabriel Berger, Der Kutscher und der Gestapo-Mann, Berichte jüdischer Augenzeugen der NS-Herrschaft im besetzten Polen in der Region Tarnów, Lichtig Verlag Berlin 2018, 174 Seiten,
ISBN 978-3-929905-39-7

© Soraya Levin