Winter Fünfundvierzig / Die Frauen von Palmnicken

Arno Surminski

Eine formvollendete schöpferisch ausdrucksstarke Prosa gegen das Vergessen

Wunderbare Strände und Steilküsten ziehen sich an der Halbinsel Samland entlang. Hier liegt nicht weit von dem einstigen Königsberg Jantanyi, das frühere Palmnicken. Diese Stadt ist berühmt für ihren Bernstein, dem eine sinnliche und beruhigende Wirkung zugesprochen wird. Es ist der 31. Januar 1945. Dieser Tag hat nichts von Sinnlichkeit und ist auch nicht beruhigend. Denn draußen vor der Stadt werden an einem der Strände 3000 jüdische Frauen von der Waffen-SS abgeschlachtet.

Für die einen ist die Welt 1944 schon untergegangen. Für die anderen geht sie noch weiter. Gesa, Celina, Sarah und Dorota. Vier junge jüdische Frauen, zusammengepfercht im Ghetto Lodz. Da wo kein Gebet mehr hilft, können sie das tägliche Grauen nur ertragen, indem sie ihre Träume am Leben halten und auf einen Neubeginn nach dem Krieg hoffen. Dorota möchte auf einem Bauernhof leben, Sarah wünscht sich eine Familie, Gesa träumt von einer Tanzkarriere und Celina von einem Studium. Was junge Menschen ebenso träumen. Mit dem Heranrücken der Roten Armee wird das Ghetto im Sommer 1944 geräumt. Die Reise geht nach Auschwitz. "So hat man früher das Vieh auf die Reise geschickt, sagte Celina. Viehtransporte gehen ins Schlachthaus rief eine Stimme aus der Dunkelheit." Für Dorota ist Auschwitz die Endstation. Jetzt sind sie nur noch zu Dritt. Im Außenlager Stutthof werden die drei Frauen getrennt. Sarah landet in der Waffenfabrik. Gesa und Celina verrichten auf dem Hof von Lisa Kretschmann Feldarbeit. Seit Lisas Mann trotzt der vier Kinder an die Front musste, bewirtschaftet sie den Hof mit ihrem ältesten Sohn. Während Gesa und Celina dem Entsetzen folgen, haben diese Bilder für Lisa Kretschmann so gar nichts mit ihrem derzeitigen Leben zu tun.

Die Rote Armee und der Winter rücken heran. Die Häftlinge aus den Lagern werden Richtung Westen getrieben. Mit ihnen Gesa und Celina. Tausende von Zeugen begleiten den Todesmarsch der ausgemergelten und zerlumpten Körper. Bewohner der Dörfer, Alte, Frauen, Männer und Kinder begaffen die Vorbeimarschierenden.

Doch der Krieg kommt auch für die Gaffer näher. Hat schon Masuren und die Memel erreicht. Die friedliche Idylle beginnt zu bröckeln. Die ersten Flüchtlinge machen sich auf den Weg. Nur die Bauern wollen nicht gehen. Ihre Ernte und ihr Vieh nicht im Stich lassen. Sie harren aus, werden zwangsevakuiert. Mit dem Notdürftigsten bepackt, zu Fuß oder mit dem Pferdewagen machen auch sie sich auf den Weg Richtung Westen.
Unter den Flüchtenden Lisa Kretschmann mit ihren vier Kindern und Levine Gedeitis mit ihrer Tochter Olga.

Neben der Waffen-SS ein neuer todbringender Feind, der Winter 1944. Dicke Eisdecken fressen sich in das Haff. Gegeißelt vom eisigen Wind, mit nur in Lumpen gewickelten Füßen, kaum bekleidet und vom Frost geschüttelt, schleppen sich die Häftlinge die tief verschneiten Straßen Richtung Palmnicken entlang. Niemand darf sich ausruhen, niemand darf für einen Moment verweilen, niemand darf hinfallen, niemand Schwäche zeigen. Und es