Kleiner Mann von Hinten

Richard Morgiève

© Claassen

In Richard Morgièves Roman „Kleiner Mann von Hinten“ erzählt ein Sohn über den Zauber der Liebe seiner Eltern, die 1942 mitten im Krieg in Südfrankreich beginnt.

Er betrat Anfang 1942 den Süden Frankreichs. Ein kleiner Mann mit Weitblick, der davon träumte, ganz nach oben zu kommen. An einem der Orte in der Ardèche begegnet er zufällig der bildschönen jungen Andrée. Die Witwe und allein erziehende Mutter fühlt sich zu dem charmanten kleinen Polen mit Baskenmütze hingezogen. Bald schon sind sie ein Liebespaar voller sexueller Begierde und Leidenschaft. Doch wer verbirgt sich hinter Stéphane Eugerwicz. Schön ist er nicht, Pole mag er sein, vielleicht auch später Franzose, auch Jude oder römisch-katholisch, mag aus Warschau kommen, aber vielleicht auch aus einem anderen Ort. Er ist skrupellos und ein Draufgänger, den der Krieg nicht daran hindert gute Geschäfte zu machen. Mit einer Bande von Schiebern betreibt er einen umfangreichen Lebensmittelschmuggel. Er handelt mit jedem, selbst mit den Deutschen Besatzern. Lebenshungrig und genusssüchtig gibt er sich in dieser kargen von Entbehrung geprägten Zeit der Schlemmerei und Völlerei hin. In Strömen fließt das festlichste Getränk der Welt, das Getränk der Wohlhabenden, der Champagner. Es wird geraucht, gelacht, gesungen, getanzt und natürlich nicht zu vergessen, die Frauen. Als Stéphane Andrée heiratet, ist sie die glücklichste Frau. Die sanftmütige und duldsame Andrée, „Sie hat nie schwimmen gelernt, auch nicht Rad fahren, auch nicht stricken. Das Einzige, was sie konnte, war, ihren kleinen Polen lieben." Diesen kuriosen und atemlosen von Alpträumen geplagten großartigen Liebhaber, Kenner der großen Philosophen wie Kant, Marx, Schopenhauer und selbst ein in sich gekehrter Denker. Die Familie wächst, der Krieg geht zu Ende und Stéphane beginnt sein illegal erworbenes Schwarzmarktgeld über einen Mittelsmann und eine Vertriebsfirma reinzuwaschen. Der erworbene Reichtum ermöglicht dem „Butter-Eier-Käse-Clan“ einen ausschweifenden Lebensstil. Stéphane lässt sich einbürgern und nimmt einen französischen Namen an. Aus Eugerwicz wird so Eugerval-Edo, aus einem Polen ein Franzose. Doch geschäftlich droht ihm bald ein Fiasko, dass den sozialen Abstieg des Familienclans einläutet und in einer Katastrophe mündet.

Fazit

Diese verrückte Liebe zwischen Andrée und Stéphane möchte man nicht beiseitelegen, für keinen Moment aus ihr aussteigen. Denn diese vom jüngsten Sohn erzählte Liebe ist fesselnd, mitreißend und fühlbar. Ein meisterhaft mit ganz viel Wärme und Kraft erzähltes Buch über das Geschenk einer großen verrückten Liebe.

Richard Morgiève, Kleiner Mann von Hinten,
Originalausgabe Un petit homme de dos bei den Éditions Ramsay, Paris 1988 und bei den Éditions Gallimard, Paris 2006, Roman, Einband, claassen Verlag in der Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2008, 240 S., EUR (D) 18,00, CHF 32,90, ISBN 978-3-546-00417-6

© Soraya Levin