Die Schwester

Das Leben der Elisabeth Förster-Nietzsche
von Kerstin Decker

„Niemand hat sich an dem Andenken Nietzsches schwerer vergangen als seine Schwester. Wer sich für die Schwester entscheidet, entscheidet sich gegen Nietzsche.“

Wer ist diese Schwester, die schuld sein soll. Schuld an einem verantwortungslosen Umgang mit dem geistigen Nachlass ihres berühmten Bruders. Die Biografin Kerstin Decker geht in „Die Schwester. Das Leben der Elisabeth Förster-Nietzsche“ dieser vermeintlichen Schuldspur nach.

Elisabeth und Friedrich, Schwester und Bruder, aufgewachsen in einem Pfarrhaushalt, die durch den frühen Tod des Vaters eine vertraute füreinander reservierte Zweisamkeit entwickeln. Der große Bruder, 1844 geboren und gerade mal zwei Jahre älter, übernimmt die Schutz- und Vaterrolle für Elisabeth. Elisabeth hingegen unterstützt den gesundheitlich angeschlagenen und an mangelnder Seekraft leidenden Friedrich bei der Haushaltsführung und bei der Veröffentlichung seiner Werke.

Friedrich und Elisabeth haben beide bereits die dreißig Jahre überschritten und „Sie haben beide nicht geschafft, was noch der Dümmste fertigbringt: zu heiraten.“ und das im 19. Jahrhundert, wo der gesellschaftliche Druck eine Ehe einzugehen, sehr groß ist und insbesondere die Frau keine Wahlfreiheit besitzt.
Friedrichs negatives Verhältnis zum anderen Geschlecht beeinflusst auch Elisabeth in ihrer Beziehungsfindung. Er schließt eine Ehe kategorisch aus, da er mit dem Begriff Frau einen Mangel und Unvollkommenheit assoziiert. Seine tradierte Sicht weist der Frau eine untergeordnete Rolle zu. In der männlichen Lebenswelt haben Frauen für ihn nichts zu suchen. Die männliche Lebenswelt heißt auch die Gelehrten- und Kunstwelt. Als Elisabeth zu schreiben beginnt, hat er für ihre Novellen nur ein abfälliges „Frauenplunder“ übrig.

1882 wird zu einer Zäsur der geschwisterlichen Beziehung. Der frauenverachtende Friedrich verliebt sich in die 21-jährige Russin Louise von Salomé. Sie ist die Einzige, für die er keine Verachtung empfindet und der er tiefgründige Einsichten in seine Philosophie unterstellt. Ihr Schreiben tut er nicht als „Frauenplunder“ ab. Sie ist mehr wie seine Muse. Sie ist sein Halt und seine Inspiration.
Auch wenn inzwischen ein Spalt zwischen dem Geschwisterpaar ist, hilft Elisabeth, Friedrichs neues Buch „die fröhliche Wissenschaft“ herauszubringen.

Friedrich hat keine Scheu, seine Schwester dafür auszunutzen, dass sie für ihn und seine Liebe in Tautenburg die Anstandsdame spielt. Hat sie seinen Aussagen und ihrer geschwisterlichen Beziehung bis dahin vertraut, so fühlt sich Elisabeth jetzt verletzt und enttäuscht als sie bemerkt, dass ihr Bruder es ernst mit Louise meint. Louise, diese fremde junge Frau hebt Friedrich über Elisabeth hinweg. Er will sie sogar heiraten, was jedoch an Louise scheitert, die gleichzeitig auch mit seinem Freund Paul Rée eine Verbindung eingeht.

Das Gefühl der geschwisterlichen Zusammengehörigkeit ist zerbrochen. Friedrich fährt nach Naumburg zur Mutter und Elisabeth bleibt allein in Tautenburg mit ihrem Kummer zurück.
Ein angeblicher Brief von Friedrich an Elisabeth, wo er ihr schon seine Liebe zu Louise beichtet, ist laut Kerstin Decker höchstwahrscheinlich von ihr selbst verfasst. Das Vertrauensverhältnis sollte weiterhin nach außen integer scheinen.
Die Mutter ist empört über Friedrichs Verhalten und sagt, er sei eine Schande für das Grab seines Vaters. Das ist der Bruch mit der Mutter. Voller Wut reist Friedrich ab. Er schreibt Hassbriefe an seine Schwester, die versucht, ihn von dieser Dreiecksbeziehung mit der jungen Louise und Paul Rée abzubringen.

Die Distanz zu ihrem Bruder öffnet für Elisabeth einen neuen Raum, der mit Bernhard Förster einen Namen bekommt. Mit ihm, einem entlassenen Gymnasiallehrer und Antisemiten, geht Elisabeth nicht nur eine Ehe ein, sondern sie begründet mit ihm in Paraguay eine deutsche Kolonie. Die Schaffung eines deutschen völkischen Musterstaates scheitert. Bernhard Förster begeht Selbstmord und Elisabeth kämpft weiter für ihre Kolonie. Für Kerstin Decker ist an diesem Punkt Elisabeths Stärke und ihre Emanzipation erkennbar.

Friedrich verweilt einsam und zugedröhnt mit Opiaten in Italien, wo er sein Hauptwerk „Also sprach Zarathustra“ schreibt. Ein Hauptwerk, in dem die Frage schwingt, „… ist der ganze Zarathustra nicht ein Manifest gegen Mutter und Schwester?“
Friedrichs Erkrankung der Neurosyphilis schreitet unterdessen ungehindert fort. Ein Aufenthalt in der Irrenanstalt folgt. Die Mutter verweigert die reale Sicht auf die Krankheit ihres Sohnes und holt ihn nach Hause.
Elisabeth kehrt unterdessen aus Paraguay zurück. Der Name Nietzsche bekommt wieder einen besonderen Stellenwert in ihrem Leben. Frau Elisabeth Förster verwandelt sich, juristisch abgesichert, in Frau Elisabeth Förster-Nietzsche.
Sie kümmert sich nicht nur um ihren kranken Bruder, sondern auch um seine Werke und die Rechte daran. Sie möchte, dass die Mutter die Nutzungsrechte an sie abtritt.

Elisabeth ist angetrieben von der Idee, das Gedächtnis ihres Bruders und seines Nachlasses mit Hilfe eines Archivs zu bewahren. Das notwendige philosophische Grundverständnis versucht sie, durch Nachhilfeunterricht zu erlangen.
Sein sogenanntes „Lama“ verwaltet nun seinen gesamten Nachlass. Zunächst in Naumburg und ab 1896 in Weimar, wo sie ein Jahr später mit Friedrich und dem Archiv in die Villa Silberblick einzieht. Es kommt zu Zerwürfnissen mit ehemaligen Freunden und Verlegern Friedrichs.
Sie ist dem Sperrfeuer ihrer Kritiker zu ihren Lebzeiten und nach ihrem Ableben ausgesetzt. Karl Schlechta hat dieses in dem von Decker vorangestellten Zitat vortrefflich zum Ausdruck gebracht: „Niemand hat sich an dem Andenken Nietzsches schwerer vergangen als seine Schwester. Wer sich für die Schwester entscheidet, entscheidet sich gegen Nietzsche.“
Es ist nicht nur die fachlich mangelnde Kompetenz, die ihr vorgeworfen wird. Sie wird verantwortlich dafür gemacht, dass Originalbriefe nicht mehr aufzufinden sind. Kerstin Decker weist darauf hin, dass sie sicherlich den Wortlaut der Briefe, die Friedrich an sie und die Mutter voller Hass und Verachtung geschrieben hat, etwas verändert hat, um damit ihr Bild und das der Mutter in eine positive Richtung zu lenken. Auch das Umadressieren von Briefen mit ihr als Empfängerin deutet Kerstin Decker in die Richtung, dass Elisabeth die feste Beziehung zwischen ihr und ihrem Bruder hervorheben wollte. Sie ist die erste Person, der Friedrich seine Gedanken und seine Empfindungen erzählt. Sie ist und bleibt sein liebes „Lama“ und er ihr „Fritz“.
Insbesondere steht Elisabeth im Gewitter der kritischen Rezeption des literarischen posthum herausgebrachten Werkes Friedrich Nietzsches „Der Wille zur Macht“. Die Kritik zielt darauf ab, dass die geistige Bearbeitung des Werkes durch Elisabeth Fehlinterpretationen gefördert hat, die Friedrich geradezu zum philosophischen Steigbügelhalter für die Nazis werden ließ.
Kerstin Decker zeichnet an dieser Stelle ein anderes Bild. Sie sagt, Elisabeth hat die einzelnen literarischen Bruchstücke und Aphorismen ihres Bruders als ein Ganzes zusammengefügt. Mit ihrem Vorwort in dem Werk hätte Elisabeth verdeutlicht, dass sie es nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt hat.
Die Biografin Decker verweist zudem auf einen Brief von Friedrich vom 02.09.1886, wo er bereits sein betiteltes Hauptwerk und seine mehrjährige Arbeit daran, erwähnt. Zu diesem Zeitpunkt, sagt Kerstin Decker als Entlastung, ist Elisabeth bereits in Paraguay.

Kerstin Decker überarbeitet das bisherige Bild von Nietzsches Schwester Elisabeth, die „mehr ein Gerücht als ein Mensch“ ist. Die Biografie zeigt, wie verkettet die beiden Geschwister miteinander gewesen sind. Sie zeigt aber auch Elisabeths großen Beitrag zur Popularität Friedrich Nietzsches. Denn sie hat in akribischer Art jeden Schnipsel von ihrem Bruder gesammelt. Als Friedrich durch seine Krankheit geistig bereits abwesend ist, ist sie es, die seine Werke herausbringt.
Sie ist es jedoch auch, die einen Antisemiten heiratet, die mit der Herausgabe des Buches „Der Wille zur Macht“ Friedrich Nietzsche in die Nähe der Faschisten und Nazis rücken lässt.
Decker lässt zu Beginn ihres Buches Max Oehler, den Vetter Friedrichs, 1943 eine Dionysos Figur von Mussolini in Empfang nehmen. Hier ist er wieder, der starke Übermensch in Gestalt des Dionysos.
Nietzsches Übermensch wird zum Prototyp der arischen Herrenrasse. Kerstin Decker weist jedoch auf die Interpretation Elisabeths hin. Sie hat gemeint, dass ihr Bruder mit dem Übermenschen nicht das Bild eines darwinistischen Kämpfers gezeichnet hat.

Kerstin Deckers Biografie zeichnet ein sehr detailliertes Bild einer sehr widersprüchlichen und kämpferischen Frau. Einer Frau, die das Attribut „Monster“ nicht verdient hat wie Decker sagt.
Es ist vielmehr das Bild einer Frau, die ihren Bruder vergöttert hat, die von ihm geliebt werden wollte, die wegen ihm, zunächst die Ehelosigkeit ertragen hat. Die wegen seiner abtrünnigen Liebe zu der jüngeren Lou fast zerbrochen ist. Das Bild einer Frau, die einen Antisemiten geheiratet hat. Die in Paraguay Stärke gezeigt hat. Das Bild einer Frau, die selbstbewusst Novellen und eine Biografie über ihren Bruder geschrieben hat. Das Bild einer Frau, die sogar mehrmals für den Nobelpreis vorgeschlagen worden ist. Das Bild einer Frau, die es geschafft hat, die Popularität ihres Bruders zu fördern, die ihm ein Denkmal analog Wagners Bayreuth errichten wollte. Das Bild einer Frau, die eine unbestreitbare Nähe zu Adolf Hitler gehabt hat und ihm sogar den Spazierstock ihres Bruders geschenkt hat. Das Bild einer Frau, die ihren Bruder zum Vordenker für die Nazis gemacht hat. Das Bild einer Frau, die im Tod wieder vereint neben ihrem Bruder liegt.

Kerstin Decker, Die Schwester. Das Leben der Elisabeth Förster-Nietzsche, Berlin Verlag in der Piper Verlag GmbH 2016, 652 Seiten, Bilder: 16 SW-Abb., gebunden, 24,00 EUR, ISBN-13: 9783827012777

© Soraya Levin