Bombay

Suketu Mehta

Die Schatten Bombays

Die Megastadt „Bombay“. Ein lärmender, dreckiger und überbevölkerter Moloch. Weit über 16 Millionen Einwohner und täglich werden es mehr. „Bald werden in Bombay mehr Menschen leben als auf dem gesamten australischen Kontinent“ sagt der Autor Suketu Mehta über die Stadt, die er als Kind verlassen hat und in die er nun als Erwachsener zurückkehrt.
Was er in der Stadt seiner Kindheit findet, beschreibt er in einer atemberaubenden Reportage, ein Life-Bericht über den gigantischen Moloch Bombay.

Obwohl in Bombay die besten Computerspezialisten der Welt sitzen, kann man an dem Alltäglichen verzweifeln. Kaum eine funktionierende Toilettenspülung, vom funktionierenden Telefon ganz zu schweigen.
Automassen kämpfen sich täglich im Schritttempo durch Bombays Straßen und verpesten die Luft.

Die marode Kanalisation, ein Überbleibsel aus der britischen Kolonialzeit, verseucht das Trinkwasser. Durchfälle und andere Darmerkrankungen sind an der Tagesordnung.
Verstopfte Abflussrohre und ein Mangel an Toiletten führen dazu, dass die Bewohner ihre Notdurft oft im Freien verrichten. Die Stadt ‚erstinkt’ dadurch an dem Gestank der Exkremente.

Verfallene, verwahrloste Häuser, die Wohnungen sind knapp und für die meisten Bewohner Bombays kaum zu bezahlen. Vielen Menschen bleibt daher keine andere Wahl wie ein Leben in den Elendsvierteln, in den Slums, zu fristen.

Bestechung, Erpressung und Mord

Und wer in dieser Stadt etwas möchte, trifft auf ein ständiges NEIN. „Kann ich einen Gasanschluss kriegen?“ „NEIN“, „kann ich ein Telefon bekommen?“ „NEIN“ und immer wieder NEIN. Diese „chinesische Mauer Indiens“ lässt sich nur durch Bestechung überwinden. „Bombay überlebt durch Gaunereien: Wir sind alle Mittäter.“

Erpressungen sind an der Tagesordnung und mittlerweile so „normal“, dass Geschäftsleute die erpressten Gelder als Betriebsausgaben absetzen können. Am schlimmsten aber ist die Unterwelt Bombays. Hier trifft Suketu Mehta den Mann, der über „Powertoni“ verfügt, der sich ein Netzwerk aus Macht und Gewalt aufgebaut hat.
Bal Thackery, faschistischer Anführer der größten extremistischen Hindu-Partei Bombays, der Shiv Sena. Als es Anfang der 90er Jahre zu Gewaltausbrüchen zwischen Hindus und Moslems kommt, morden seine Anhänger auf besonders grausame Art. So auch Sunil, der den Brotmann angezündet hat.
"Wir übergossen ihn mit Benzin und steckten ihn in Brand. Ich dachte nur, das ist ein Muslim."
„Wie sieht das aus, wenn ein Mensch brennt?“ fragt Suketu Mehta Sunil. „Ein Mensch, der brennt, springt auf, stürzt, rennt um sein Leben, stürzt abermals, steht wieder auf und rennt weiter. Du würdest diesen Anblick nicht ertragen. Sein Körper trieft von Öl, seine Augen weiten sich.“

Selbst Mörder wie Sunil sind nicht belangt worden und sitzen nicht im Gefängnis, sondern machen heute Politik. Die Gewalt hat sich etabliert und die Menschen? Sie beginnen immer mehr mit der Gewalt zu leben und Gewalt als „normal“ zu sehen. Zumal die Gangster von ihren Bandenchefs freigekauft werden und nach kurzer Zeit wieder draußen herumspazieren. Polizisten, die sich nicht bestechen lassen wie Ajay, werden auf schwarzen Todeslisten geführt. In ihrer Not greift die Polizei zur Selbstjustiz. So genannte "Encounter" foltern und beseitigen die Täter. Alles sieht selbstverständlich "offiziell" aus.

Der Traum vom großen Geld

In Bombay gibt es nicht nur Kriminelle. Viele Menschen sind obdachlos. Und mancher Obdachlose entpuppt sich als Dichter. Wie Babbanji, der in einem der vielen überfüllten Züge in die Megastadt gekommen ist und nun versucht, sein Glück zu finden und zu überleben.
Es gibt aber auch reiche Familien, die ihren gesamten Besitz verschenken, um nur noch ihrem Glauben zu dienen
Andere dagegen versuchen reich zu werden, wie Monalisa, die mit ihren Sextänzen mehr verdient wie eine Nackttänzerin in New York.
Und der Traum vom Großen Geld treibt den jungen Mann Manoj an, sich nachts in Frauenkleider zu werfen und sich in eine Tänzerin zu verwandeln.
Und wer kennt es nicht, das Hollywood Indiens, Bollywood. Mittlerweile bereits fest in den Händen der Unterwelt. Die Gangsterbosse entscheiden aber nicht nur über die Filminhalte. Sie bestimmen auch die Schauspieler, die oftmals zu ihren Gangsterclans gehören.

Fazit

Suketu Mehta bringt die Schatten Bombays ans Licht. Das unkontrollierte Wachstum dieser Megastadt, das tägliche Chaos, den Schmutz, die beißenden Gerüche, die Armut und eine Unterwelt, die die Stadt bereits übernommen hat.

Der Autor begegnet Mafia-Bossen, Killern, gewalttätigen Banden, religiösen Fanatikern, radikalen Asketen, Tänzern, Bollywoodstars, Polizisten und anderen, die sich aus den Slums befreien möchten, die auf der Suche nach etwas Glück und Wohlstand sind. Alle seine Begegnungen machen Suketu Mehta eines deutlich. Es gibt auch ein anderes Leben. Ein Leben, das „frei“ und „ungeregelt“ ist.
Aber „damit das Traumleben einer Stadt am Leben bleibt, muß der Traum jedes einzelnen am Leben bleiben.“
Megastädte wie Bombay sind und bleiben widersprüchlich. Und Suketu Mehta? Er hat sein Bombay gefunden.

Bombay, Maximum City, Suketu Mehta, aus dem Englischen von Anne Emmert, Heike Schlatterer und Hans Freundl, mit einem Nachwort von Carolin Emcke, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006, ISBN 13: 978-3-518-41842-0, € 26,80, 782 S., die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel „Maximum City: Bombay Lost and Found“ bei Alfred A. Knopf (Random House), New York

© Soraya Levin


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Suhrkamp

Soraya Levin: Politologin, freie Redakteurin und Rezensentin

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