Joseph Roth

Wilhelm von Sternburg

Er war der Primus unter den Journalisten der Weimarer Republik, ein exzellenter Feuilletonist und Schriftsteller. Wilhelm von Sternburg erinnert mit seiner Biographie Joseph Roth an den großen heimatlosen schreibenden Exilanten und Bohème, der mit nur 44 Jahren im französischen Exil im Mai 1939 an seiner Trunksucht starb.

Heimatloser Kaffeehausliterat

Joseph Roth, ein österreichisch-galizischer Jude aus Brody, der versucht die Spuren seiner Herkunft zu verwischen. Er entdeckt seine Liebe zur deutschen Literatur und studiert in Lemberg und in Wien Germanistik. Die umwälzenden Ereignisse, die mit dem Ersten Weltkrieg einhergehen, werden für Joseph Roth, der sich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hat, zu einer tief greifenden Wegbestimmung. Der, der die österreichisch-habsburgische Monarchie als seine Heimat betrachtet hat, wird heimatlos. In seinem Werk Radetzkymarsch und in seinem später folgenden Roman Die Kapuzinergruft spiegelt sich dieser Verlust der Heimat und das Gefühl heimatlos zu sein wider. Zeit seines Lebens trauert Roth der alten Welt nach. Eine Welt, die für ihn den sich ungezügelt entfaltenden gefährlichen Nationalismus eindämmen könnte. Eine untergegangene Epoche, die er in seinem Roman Hotel Savoy verarbeitet. Der Kampf ums Überleben zwingt ihn nach dem Krieg sein Studium aufzugeben. Er widmet sich der Journalie und wird Redakteur beim Neuen Tag. Es folgen weitere redaktionelle Tätigkeiten bei anderen Zeitungen in Wien und Berlin. Roth macht sich einen Namen. Der journalistische Durchbruch gelingt ihm endgültig 1923 als Redakteur des Feuilletons bei der Frankfurter Zeitung. Zeitgleich arbeitet er an seinem Debütroman Das Spinnennetz, der 1923 veröffentlicht wird.

Roth ist ein Kaffeehausliterat. „Cafés und Bars bleiben seine Heimat. Im Hinterzimmer des Berliner Dichter- und Künstlerdomizils, im ‚Romanischen Café in Berlin’, finden ihn die Freunde am späten Nachmittag oder frühen Abend.“ Während sie mit ihm am Tisch sitzen, lautstark debattieren und schwadronieren, schreibt er seine Romane.

Grenzenlos ausblutender Suff

Roths Leben ist aber nicht nur von den politischen Umwälzungen der 20er Jahre geprägt. Alkohol ist sein Alltag. Seine Frau Friederike Reichler, die er 1922 heiratet, wird nervenkrank. Es folgen zahlreiche Sanatorienaufenthalte. 1940 wird sie im Rahmen des Euthanasieprogramms von den Nazis ermordet. Roth fühlt sich schuldig, weil er sich durch seine vielen Reisen, nicht genug um Friederike kümmern konnte. „Wenn es Friedl endlich besser ginge, würde es mir auch besser gehn. Es ist grausam. Ich kann es nicht aushalten.“ Die Sorge um Friederike wird begleitet vom wirtschaftlichen Überlebenskampf. Kosten für die Klinikaufenthalte Friederikes, sein Hang zu guter Kleidung, sein Leben in Hotels, die zu seinem einzigen Zuhause werden, seine Trunksucht sowie seine spendable Art gegenüber seinen Mitsäufern und Freunden treiben Roth in immer tiefere Schulden, zwingen ihn geradezu Druck auf seine Verleger auszuüben und hohe Vorschüsse einzufordern. Die hohen Geldforderungen und seine grenzenlose Enttäuschung, nicht als Korrespondent für die Frankfurter Zeitung in Paris bleiben zu können, führen schließlich zum Zerwürfnis mit dem Blatt. Für kurze Zeit schreibt der von Geldsorgen getriebene Roth sogar für das rechte Zeitungsblatt Münchner Neueste Nachrichten.

Im Exil

Roth ist als Schreiber ein eingehender Beobachter. An den kleinen, alltäglichen Dingen, macht er das Große sichtbar. Realistisch und scharf sind seine Aussagen, die auch immer politisch sind, die sich gegen den Antisemitismus und gegen Hitler richten. Aber auch durch die Erfahrung des Antisemitismus bei seinem Russlandbesuch im Jahr 1925 wendet sich Roth enttäuscht vom linken Spektrum ab.

Als 1933 seine Bücher von den Nazis verbrannt werden und er ins Exil nach Paris geht, wird seine finanzielle Situation noch katastrophaler. „Was soll ich tun? Ich habe nichts zu essen, nicht einmal mehr zu trinken.“ Ein unsagbarer Hilfeschrei an seinen Freund Stefan Zweig. Ein Freund, der Roths Leben seit 1928 begleitet. Ein Freund, der versucht, Roth vom Alkohol los zu bekommen. „Sie müssen mit dem Saufen Schluß machen…“ Ein Freund, der ihn stets finanziell unter die Arme greift. Beide sind Juden, stammen aus Österreich, lieben das Leben eines Bohème, sind immer unruhig und reisen, werden verfolgt und in die Emigration gezwungen, beide sind von einer tiefen Melancholie befallen. Der eine trinkt sich zu Tode, der andere bringt sich um. In Gustav Kiepenheuer findet Roth einen weiteren Freund, der ihm finanziell hilft. „Beide lachen gern, und beide lieben es zu trinken.“ Sein Roman Juden auf Wanderschaft ist sein erstes beim Kiepenheuer Verlag herausgebrachtes Werk. Hier bekennt er sich wie auch in seinem Roman Hiob zu seinen jüdischen Wurzeln, zu seiner Liebe zum Ostjudentum.

Das Ende

1929 trennt sich Roth von seiner schizophrenen Frau Friedl und lernt Andrea Manga Bell kennen, mit der er ins Exil geht. Die durch finanzielle Sorgen und Roths Alkoholexzesse schwer belastete Beziehung endet 1936. Bei einem Aufenthalt in Ostende begegnet Joseph Roth seiner dritten Liebe, der auch zum Alkoholismus neigenden Schriftstellerin Irmgard Keun. Beide „…verbringen die Nächte in den Cafés von Ostende.“ Alkohol, Geldsorgen und ihre Abneigung gegen das Dritte Reich sind ihre Gemeinsamkeiten. Im Exil wohnt Roth im Pariser Hotel Foyot. Als es abgerissen wird, verliert er ein weiteres Mal ein Stück Heimat. „Man verliert eine Heimat nach der anderen, sage ich mir.“ Hier im Exil schreibt Roth seinen zeithistorischen Roman Die Kapuzinergruft und verarbeitet sein vom Alkohol durchtränktes Leben in der Geschichte Die Legende vom heiligen Trinker. Zu seinem letzten Werk gehört Die 1002. Nacht. Roth wird die Veröffentlichung nicht mehr erleben. Nachdem er vom Selbstmord Ernst Tollers erfährt, bricht er zusammen. Er stirbt einsam und qualvoll im Armenkrankenhaus von Paris.

Fazit

Geboren 1894 und mit nicht einmal 45 Jahren in einem Zustand des körperlichen Verfalls 1939 im französischen Exil gestorben. Joseph Roth, österreichisch-galizischer Jude, Galionsfigur der schreibenden Zunft. In den Weimarer Zeiten der wirtschaftlichen und politischen Destabilisierung beginnt sein journalistischer und schriftstellerischer Durchbruch. Den Verlust der Heimat, der alten österreichischen Monarchie sowie sein Bekenntnis und seine Liebe zum Ostjudentum verarbeitet er in seinen bedeutenden Werken wie Radetzkymarsch, Hotel Savoy, Juden auf Wanderschaft und Hiob um nur einige zu nennen. Der Heimatlose, dessen Heimat die Hotels Europas sind, der talentierte Kaffeehausschreiber, dessen Leben von persönlichen Tragödien gezeichnet ist, der sich dem hemmungslosen Suff hingibt, um die Wahrheit zu ertragen. Ein Trunksüchtiger, zerrissen und begleitet von einer verzweifelten Melancholie, ein Ruheloser, der nie vor Anker geht, dessen Leben kein Happy End ist, ein seelisch und körperlich ausgebluteter, aber dennoch bis zum Ende kreativer Schreibgeist. Ein Bohème, ächzend und getrieben von permanent finanzieller Not. Erdrückt und überrannt vom braunen Schatten „Ich kann darüber hinweg, daß die Deutschen Barbaren sind,…Aber nicht darüber, daß ich sie nicht bekehren kann.“, enttäuscht und durch die politischen Umstände getrennt von Freunden wie Benno Reifenberg von der Frankfurter Zeitung, der sich nicht dem braunen Terror entgegenstellt. Aber einen wirklich wahren Freund hat er an seiner Seite. Stefan Zweig, die wichtigste - auch ganz besonders finanzielle - Stütze in seinem Leben. Auch Gustav Kiepenheuer steht ihm nicht nur im Trinken bei.

„Wider den undeutschen Geist…“ gingen Joseph Roths Bücher in den Flammen der Nazis auf. Lange Zeit haben die Deutschen nichts wissen wollen von ihm, den vergessenen Exil-Autoren. Wilhelm von Sternburg lässt diesen großartigen Schriftsteller mit seiner Biographie Joseph Roth nun wieder lebendig werden.

Ein tiefer zeitgeschichtlicher Einblick in Roths Leben, der nahe geht, so dicht steht der Leser neben Roth und eine beeindruckende Hommage an einen der ganz großen schriftstellerischen Talente der Weimarer Zeit.

Wilhelm von Sternburg, Joseph Roth - Eine Biographie,
592 Seiten, gebunden, mit 32 Seiten Schwarz-Weiß-Abbildungen, Kiepenheuer & Witsch, Köln im März 2009, Euro (D) 22.95 | sFr 40.20 | Euro (A) 23.60, ISBN: 978-3-462-05555-9

© Soraya Levin


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Soraya Levin: Politologin, freie Redakteurin und Rezensentin

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